Fest Taufe des Herrn

Sonntag, 10. Januar 2021 - Fest der Taufe des Herrn

Predigt von Pfarrer Sebastian Latsch

Über den Jordan zu gehen, hört sich nicht gut an. Es bedeutet verlorengehen, oder gar sterben! Der Jordan steht für eine Schwelle, von der es -einmal überschritten- kein Zurück mehr gibt. Jesus ist für uns über den Jordan gegangen. Als Johannes der Täufer in der Wüste stand und die Menschen zu ihm strömten, um sich von ihm taufen zu lassen, da kam auch Jesus. Er stellt sich in die Reihe der Menschen, die Buße tun wollten, die bekennen wollten, dass sie Sünder sind, und sich aufgemacht hatten, ihr altes Leben abzuwaschen, um fortan als NEUE Menschen -mit Gott versöhnt- zu leben. In die Reihe dieser Menschen stellt sich Jesus. Er, der ohne Sünde war, hätte das nicht nötig gehabt.


Die Ikonen, welche die Taufe Jesu zeigen, gewähren einen Einblick in dieses Rätsel: Jesus steht im Wasser, und dort, im Jordan, tummeln sich nicht nur allerlei Fische, sondern auch ein paar bedrohliche Seeungeheuer. Die Welt mit all ihren Mächten ist anwesend, als Gott -die wahre Macht- in sie eintaucht. Jesus taucht ein in die ganze Schöpfung, nicht nur in den angenehmen Teil des Lebens. Tut das nicht etwa, weil er muss, sondern weil er will, weil es seine Sendung ist: Gott taucht ein in unsere Welt, die dabei ist, über den Jordan zu gehen, weil Kriege, Habgier, Neid und Macht dabei sind, alles ins Verderben zu ziehen.Jesus geht über den Jordan, damit die Welt nicht verlorengeht. Der Jordan ist für Christus ein Ort der Entscheidung, seine Taufe ein Ereignis, nach dem es kein Zurück mehr gibt.


Sein Weg führte von der Krippe durch eine unauffällige Kindheit. Mit etwa 30 Jahren machte sich Jesus auf den Weg durch die Wüste bis hierher. Der Weg, der nach der Taufe vor ihm lag, führte ihn geradewegs zum Kreuz. Alles andere als komfortabel. Aber das ist die Sendung, die Gott bestimmt und gesegnet hat. Überall dort, wo Gott in unsere Welt eingetaucht war, da öffnete sich für die Welt der Himmel: in der Heiligen Nacht, bei der Taufe im Jordan, und erst recht bei der Auferstehung nach dem Kreuz. Als Gemeinschaft der Getauften -als Kirche- sind wir berufen, auf den Spuren Christi zu gehen und Ihm nachzufolgen, auch über den Jordan, und das meine ich genauso doppeldeutig, wie es klingt.


Vieles geht in unserer Zeit über den Jordan. Wir stehen als Kirche wieder einmal am Punkt der Entscheidung, manches Gewohnte und Liebgewonnene zurückzulassen. Viele Entwicklungen, von denen wir dachten und hofften, sie würden sich allmählich vollziehen, wurden durch die Pandemiebedingungen der vergangenen Monate beschleunigt. Ob wir all jene, die wir seit Monaten nicht mehr in unseren Reihen gesehen haben, in der Kirche jemals wiedersehen werden, das weiß Gott allein. Hier steht jeder einzelne Christ am Jordan, und muss sich entscheiden. Sehr wahrscheinlich werden wir nicht alle wiedersehen. Sehr wahrscheinlich wird unsere Gemeinschaft kleiner werden und kleiner bleiben. Sehr wahrscheinlich werden unsere Mittel und Möglichkeiten geringer.


Immer wieder hat die Kirche in ihrer Geschichte genau diese Erfahrung gemacht: dass sie mit Christus sprichwörtlich über den Jordan gehen muss, um zu leben, um von Grund auf gereinigt und erneuert Ihm nachzufolgen, um Ihm und Seiner Sendung treu zu bleiben. Glaube und Kirche darf sich nicht im Gewohnten und Angenehmen verlieren. Wir können in der Krise und in Schwierigkeiten auf Christus schauen und von Ihm lernen, wie wir Wege gehen können, die wir uns nicht ausgesucht haben, auf denen wir jetzt aber stehen. Das Gebet und die Bereitschaft zur Erneuerung, die Bereitschaft zu neuen Wegen sind ganz entscheidende Voraussetzungen für unseren Weg als Getaufte.


Was im Jordan an Jesus sichtbar für die Welt geschehen ist, das geschieht an uns: In der Taufe nimmt Gott uns an Kindesstatt an, unwiderruflich. ER nennt uns beim Namen, und schenkt uns neues Leben. Diese Verbindung zum Himmel kann gerade in der Krise Ruhe und Vertrauen, und auch ein bisschen Gelassenheit schenken.


Was kann uns scheiden von der Liebe Christi? Bedrängnis oder Not oder Verfolgung, Hunger oder Kälte, Gefahr oder Schwert? Ich bin gewiss: Weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges noch Gewalten, weder Höhe oder Tiefe noch irgendeine andere Kreatur können uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn. (Röm 8,35.38)


Mit Christus verbunden sein bedeutet auch, die Komfortzone zu verlassen, so wie er es getan hat, auf seinem Weg durch die Wüste, auf seinem Weg zum Kreuz. ER geht mit.


Vor einiger Zeit habe ich einen Nachruf auf einen verstorbenen Priester gelesen. Was wurde da erwähnt? Er hatte gebaut: Die Kirche renoviert und erweitert, das Pfarrheim gebaut, den Kindergarten gebaut und erweitert, den Glockenturm gebaut, die Filialkirche gebaut und manches mehr. Es ist die typische Biographie eines Priesterlebens in vergangenen Jahrzehnten. Es ist die typische Biographie der Kirche in vergangenen Jahrzehnten, die ihre Komfortzone stets erweitern konnte. Was wird wohl einmal in meinem Nachruf stehen? Darüber werden sich Andere Gedanken machen müssen. Sehr wahrscheinlich wird es die typische Biographie der Kirche der kommenden Jahrzehnte.


Wir werden uns als Kirche auch vor Ort in der Pfarrgemeinde die Frage stellen müssen, was uns Gott näher bringt - und was uns hindert, Ihm näher zu kommen. Helfen unsere Strukturen und Einrichtungen noch dabei, Menschen zu Christus zu führen? Oder ist die Kirche des Westens vielleicht schleichend zu einem Sozial- und Freizeitdienstleister geworden, und in Versuchung, den Geist Gottes gegen den Zeitgeist einzutauschen, um die eigene Komfortzone zu sichern? Was ist unser Auftrag? Und wer ist unser Auftraggeber? Wem wollen wir dienen?


Diesen Fragen werden wir uns stellen müssen, wenn der Weg der Kirche in den nächsten Jahren vielleicht durch die Wüste führt, und an den Jordan, den Ort der Entscheidung. Wir werden gut daran tun, bei unseren Überlegungen und Entscheidungen um den Heiligen Geist, den Ratgeber und Beistand zu beten. Ihn finden wir, wenn wir auf Christus, auf sein Leben und Beispiel schauen und Ihm folgen. Wir sind auf Christi Tod und Auferstehung getauft. Das heißt, dass seine Wege -ob bequem oder unbequem- auch unsere Wege und die Wege der Kirche sind. ER geht mit, auch über den Jordan, weil auf der anderen Seite das Leben liegt. Als ER getauft wurde, ließ sich Gottes Heiliger Geist auf ihm nieder und eine Stimme sprach: Du bist mein geliebter Sohn, an Dir habe ich Gefallen gefunden.


Dieser Zuspruch gilt auch uns!

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