Fastenzeit

Hirtenwort zum 1. Fastensonntag 2021

Bischof Dr. Michael Gerber, Fulda

Hirtenwort - Audiodatei

 

Liebe Schwestern und Brüder!


Wie sind Sie in diesem Jahr in die Fastenzeit gestartet? Vielen wird die Fassnacht gefehlt haben. Nicht wenigen kommt der Gedanke: Leben wir nicht eigentlich seit fast zwölf Monaten in einer Art Fastenzeit? Müssen wir nicht seit dem ersten Lockdown auf Vieles verzichten, was uns lieb und teuer ist und was in vielen Fällen auch wichtig wäre?


Gerne möchte ich mit Ihnen an diesem Fastensonntag einen Gedanken teilen, der mich in diesen Monaten sehr umtreibt. Ausgehend vom heutigen Sonntagsevangelium zeigen sich aus meiner Sicht wesentliche Herausforderungen des Gottesvolkes heute.


Da steht Jesus nach der Taufe am Jordan unmittelbar am Beginn seines öffentlichen Auftretens. Er hat erkannt, was seine Sendung ist. Er ist bereit, ganz für diese Sendung zu leben. Zugleich erfahren Menschen und damit auch er selbst auf beeindruckende Weise die heilende Wirkung seiner Worte und Taten. Doch gerade in diesem Moment wird er in Versuchung geführt.


Was in Jesus genau vorging, als er zum ersten Mal die Wirkung seines Auftretens und seiner Worte wahrgenommen hat, wissen wir nicht. Aber für viele von uns läge jedenfalls der Gedanke nahe: „Meinen Auftrag habe ich erkannt und ich weiß, welche Wirkung ich erzielen kann. Wenn ich jetzt nur meine Kraft optimal einsetze, dann kann das große Projekt gelingen. Jetzt kommt es wesentlich auf mich an, dass ich meine Kraft gut einsetze, dass ich die richtigen Verbündeten finde und so meinen Auftrag verwirkliche.“


In der Tat ist unser Handeln gefordert. Schauen wir doch auf die Gegenwart unserer Kirche und unserer Gesellschaft heute. Die Realität auszuhalten, ist nicht einfach: Mehr denn je erleben wir in diesen Wochen einen Zustand unserer Kirche, den man mit dem Begriff „armselig“ umschreiben kann. Finanzielle Mittel sind zwar weiterhin vorhanden, wenn sie auch beunruhigend schnell abschmelzen. Aber der Kredit, den die Kirche im wahrsten Sinne des Wortes aktuell hat, ihre Glaubwürdigkeit, sie tendiert steil nach unten. Das ist sehr schmerzlich. Denn der Auftrag, den die Kirche vom Evangelium her hat, ist bleibend aktuell. Die Kirche soll leben, wozu sie berufen ist: Sie soll der Ort sein, wo das Salz der Erde zu finden ist, sie soll eine Fackel sein, durch die das Licht der Welt in unseren Tagen zum Leuchten kommt.


Es ist wahrlich nicht die Zeit, die Hände in den Schoß zu legen. Wir dürfen gerade in dieser Zeit der Pandemie, wo Menschen sich mit ganzer Kraft für das Evangelium einsetzen, dankbar feststellen: Es gibt ihn, den solidarischen, oft stillen Dienst am Nächsten; der Glaube wird weiterhin wirksam verkündet, etwa in der Katechese oder auch in unseren Kindertagesstätten; unsere Pfarreien sind aktiv in vielen Initiativen , die sich aus einer persönlichen Glaubensüberzeugung nähren; und nicht zu vergessen ist das begleitende Gebet für das Volk Gottes, das in Gruppen und von Einzelpersonen, auch von vielen Kranken, gepflegt wird. Zu jeder Zeit braucht das Evangelium Menschen, die sich mit ganzer Leidenschaft, mit ihrem Verstand und mit Herzblut einbringen. Und doch liegt genau hier auch eine Versuchung.


Viele Menschen machen sich ernsthaft Sorgen um die Zukunft der Kirche. Nicht wenige fordern deshalb: Wenn nur endlich Gleichberechtigung, transparente Entscheidungsstrukturen, Macht- und Gewaltenteilung in unserer Kirche ihren festen Platz hätten, dann hätte die Kirche eine Zukunft. Dahinter steckt in vielen Fällen nicht einfach eine sogenannte Anbiederung an den Zeitgeist. Sondern oft haben Menschen konkrete Zurückweisung oder gar Demütigung erlebt, die nicht der Botschaft des Evangeliums entsprechen. Das führt zu der Frage: Wo geht es hier um Einzelfälle und wo zeigen sich darüber hinaus strukturelle Defizite? Diese Fragen gilt es ernstzunehmen.


Bei anderen Kritikern finden wir das Postulat: Wenn nur endlich die ewige Wahrheit und Schönheit des katholischen Glaubens überzeugend dargelegt würde, dann käme das große Projekt der Neuevangelisierung voran. Oft sind es Menschen, die erleben durften, dass die Lehre der Kirche nicht nur eine abstrakte Abhandlung ist, sondern ihnen persönlich wesentliche Impulse für ihr Leben mitgegeben hat. Sie – und ich gebe zu, ich auch – leiden darunter, dass diese Lebensrelevanz oft kaum noch wahrgenommen wird.


Es sind zwei Formen von Kritik, die wir ernst nehmen müssen. Beide Seiten haben Erfahrungen, die ihre Überzeugung geprägt haben. Wenn wir genau hinschauen, können wir auch da, wo wir einzelne Positionen nicht teilen, gleichwohl im Kern berechtigte Anliegen erkennen. Von daher müssen wir uns kritisch fragen: Wo sind wir in anderer Weise als bisher zum Handeln herausgefordert?


Und dennoch: Es ist meine Überzeugung, dass wir als Kirche, gerade hier in Deutschland, bei allem, was von uns selbst an notwendiger Aufklärung, Aufarbeitung und Selbstkorrektur gefordert ist, vor einem entscheidenden Lern-Schritt stehen, mit dem wir bislang kaum Erfahrung haben. Es ist der Schritt heraus aus einer Wenn-Dann-Logik, die dem Grundsatz folgt: „Wenn wir nur dies oder jenes tun würden, dann ...“ Das ist in meinen Augen der entscheidende Schritt hinein in die Erfahrung, die Jesus in jenen 40 Tagen in der Wüste gemacht hat. Es ist ein Schritt hin zu einer Haltung, mit der er dann seinen Weg des öffentlichen Wirkens geht.


Jesus spürt seine Kraft und er spürt zugleich seine Grenzen. Im heutigen Evangelium heißt es, er lebt zwischen wilden Tieren und es sorgen Engel für ihn. Dies kann man auch übersetzen: Jesus erfährt, dass er bei all seiner Kraft in dieser Situation nicht einmal angemessen für sich selbst sorgen kann. Wer in der Wüste lebt, erlebt dies radikal. Bei meinen Wüstenwanderungen hat mich das sehr beeindruckt: Was ich selbst mit meiner eigenen Kraft an Flüssigkeit im Gepäck tragen kann, reicht nur für wenige Kilometer. Dann bin ich angewiesen, dass die nächste Oase auf mich wartet oder ein Begleitfahrzeug beziehungsweise ein Begleittier mich neu versorgen. Die Wüstenerfahrung Jesu ist: Er vertraut sich dem an, der ihm die Engel sendet. Er lebt ganz aus der Beziehung zu seinem himmlischen Vater, den er in neuer Weise als „Gott für uns“ den Menschen verkünden wird.


Als Getaufte und Gefirmte sind wir herausgefordert, uns mit ganzer Kraft und ganzer Leidenschaft für die Frohe Botschaft einzusetzen. Was wir als wertvoll erkannt haben, will weitergegeben und vor allem auch gelebt werden. Wir stehen damit unter dem Anspruch der Nachfolge Jesu, der in ganzer Hingabe seine Sendung lebt. Mit seiner ganzen Existenz verkündet er die Frohe Botschaft. Er heilt Menschen und führt zusammen, was zerstreut ist. Dabei spart Jesus auch nicht mit Kritik an seinen Jüngern, wo diese hinter dem Auftrag der Nachfolge zurückbleiben. Er beobachtet seine Jünger genau und weiß aus der Kritik der Propheten des alten Israels, dass das Handeln Einzelner und dass ungerechte Strukturen die Fruchtbarkeit der Sendung des ganzen Gottesvolkes gefährden können.


Doch geht Jesus seinen Weg aus einer Haltung heraus, die zuinnerst von dem Wort geprägt sein wird, das er denen, die ihm folgen, im Gebet mitgibt: „Dein Wille geschehe“. Er lebt diese Haltung bereits in der Ahnung, dass ihm am Ende seines Lebens äußerlich alles genommen wird: seine Freiheit, seine Ehre, der Kreis derer, die ihm gefolgt sind, ja sogar die Glaubwürdigkeit seiner Botschaft, die im Kreis der Spötter keine Resonanz mehr findet. Was aus seinem Wirken wird, ist nicht sein Produkt, ist nicht sein Machwerk. Ob sein Wirken Früchte trägt, ist eine Frage jenseits der menschlichen Logik. Jesus lebt aus der Hingabe und aus der inneren, vertrauenden Offenheit für das Wirken des Vaters. So führt ihn der Weg seines öffentlichen Wirkens von jenen Tagen in der Wüste letztlich hin zu jener Nacht im Garten Getsemani. Dort zeigt sich sehr eindrucksvoll dieses Ringen um den Willen des Vaters.


Es gehört in jener Nacht zu den sehr harten, leidvollen Erfahrungen Jesu, wenn er feststellen muss: Da habe ich diese Jüngergemeinschaft zwei bis drei Jahre intensiv begleitet und geformt. Und jetzt dieses Resultat: Einer verrät mich – und die anderen schlafen oder laufen davon. Was er in diesen Jahren an Verkündigung, an Zeichenhandlung, an Weggemeinschaft in diesen Kreis investiert hat, es scheint ohne größere Wirkung geblieben zu sein.


Und wie zeigt sich unsere Getsemani-Situation heute? Keine Frage – als Kirche sind wir gerade in unseren Tagen oft weit weg vom Anspruch der Botschaft Jesu. Gerade deswegen ist unser ganzer Einsatz gefordert. Die Gebetsbitte „Dein Wille geschehe“ ist eben keine Entschuldigung für fehlende Einsatzbereitschaft. Und doch drängt sich mir die Frage auf: Kann es sein, dass die gegenwärtige Situation auch das Potential hat, zu einer Zeit der tiefgreifenden inneren Formung unserer Kirche zu werden? Kann es sein, dass die aktuellen Grenzerfahrungen, inneren Widersprüche, kaum auflösbaren Spannungen zu einem Anstoß für eine sehr grundlegende innere Formung werden müssen? Kann es sein, dass bei allem, was derzeit auch zerbricht, es darum geht, tief in die Haltung hineinzufinden, in der Jesus jene Nacht von Getsemani durchlebt und durchlitten hat?


Ich glaube, es geht darum, dass wir uns formen lassen und tiefer begreifen: Es sind in letzter Konsequenz nicht wir, die die „Kirche machen“ – um dieses Verb zu verwenden, das sich in manchen Formulierungen unserer Tage findet –, sondern es ist der Herr, der uns führt. Nicht wir kennen das Ziel, sondern er. Und wir müssen damit rechnen, dass uns manches Etappenziel ähnlich verstört zurücklässt, wie es damals bei den Jüngern in der historischen Getsemani-Nacht der Fall war. Es ist möglich, dass der Herr uns in eine Gestalt von Kirche hineinführt, die uns auf den ersten und auch auf den zweiten Blick armselig vorkommen wird, eine Form, die jenseits dessen liegt, was wir gerne hätten. Und doch ist ihr das Wesentliche mitgegeben in der Spur, die sie vom Abendmahlsaal nach Ostern führen wird.


Wir werden viel loslassen müssen in der kommenden Zeit – auch Vieles, was uns als Kirche noch vor wenigen Jahren als unaufgebbar schien. Die finanziellen und personellen Engpässe zeigen uns das deutlich an. Widerstehen wir dem Impuls, festhalten zu wollen, sondern lassen wir zu, dass wir – im Bild gesprochen – hinausgeführt werden in die Wüste oder hineingeschubst sind in den Garten Getsemani. Lassen wir das zu im Vertrauen, dass wir ihn, Jesus, genau dort finden: in der Wüste wie im nächtlichen Garten.


Ich glaube, dass das ein wesentlicher Auftrag der Kirche unserer Tage ist – Jesus zu finden in der eigenen Armseligkeit und Jesus zu finden in der Armseligkeit Anderer. Das ist ein Vorgang, der zutiefst mit dem Osterereignis zu tun hat, von dem her unsere Kirche auch heute ihre Erneuerung erhält. Denn geeint und ausgerichtet auf ihre Sendung wurde die Kirche von ihrem Ursprung her durch die Erfahrung von Ostern. Durch das Osterereignis bekam das, was die Frauen und Männer zuvor in der Nachfolge Jesu erlebt hatten, einen neuen Wert. Alles erscheint in einem ganz neuen Licht. Das Osterereignis ist deshalb nicht einfach die Fortführung, Perfektionierung oder Optimierung des bisher Erlebten. Es ist keine Version 2.0 oder ein Update des Bisherigen. Ostern ist Geschenk und Gnade jenseits alles Machbaren, unverdient, Handeln Gottes an uns jenseits all dessen, was wir selbst tun können. Es fügt Bruchstückhaftes und Unvollendetes neu zusammen. So wird das, was die Jüngerinnen und Jünger Jesu miteinander erlebt haben, zur überzeugenden Botschaft für viele.


Mein Wunsch für unser Bistum ist, dass wir uns mit der begonnenen Fastenzeit nicht nur auf das kommende Osterfest am 4. April ausrichten, sondern auch auf das Osterereignis, aus dem sich unser Kirche-Sein als Kirche im Bistum Fulda erneuert. Betrachten wir diese Ausrichtung nicht nur als eine zeitliche Perspektive der kommenden 40 Tage, sondern als einen existenziellen Vorgang, der das Potential hat, unser Selbstverständnis als Getaufte und als Gemeinschaft der Getauften entscheidend zu verändern und zu prägen.


Wesentliche Impulse gingen in unserer Kirche oft von Frauen und Männern aus, die aus diesem Osterereignis und dem österlichen Glauben gelebt haben. Es sind Menschen, die sich mit ganzer Kraft hineingegeben haben in die Erneuerung der Kirche und die zugleich Zeuginnen und Zeugen der eigenen Armseligkeit wurden. So kommt mir in diesen Monaten immer wieder Bruder Charles de Foucauld in den Sinn, jener Franzose, der erst nach langem Suchen zum Glauben kam. Im Gebirge Algeriens lebte er als christlicher Einsiedler seinen Glauben in Freundschaft mit den muslimischen Nachbarn. Vordergründig hatte er keinen Erfolg. Auch wenn er sehr glaubwürdig lebte und die Sehnsucht nach Weggefährten hatte, schloss sich ihm niemand an. Erst nach seinem Tod wurde sein Wirken fruchtbar und inspirierend für unzählige Berufungswege bis heute. Das Gebet, das Bruder Charles einst wichtig wurde, kann uns durch die kommenden Fasten- und Wüstentage begleiten:


Mein Vater,

ich überlasse mich dir,

mach mit mir, was dir gefällt.

Was du auch mit mir tun magst, ich danke dir.

Zu allem bin ich bereit,

alles nehme ich an,

wenn nur dein Wille sich an mir erfüllt

und an allen deinen Geschöpfen,

so ersehne ich weiter nichts, mein Gott.

In deine Hände lege ich meine Seele;

ich gebe sie dir, mein Gott,

mit der ganzen Liebe meines Herzens,

weil ich dich liebe,

und weil diese Liebe mich treibt,

mich dir hinzugeben,

mich in deine Hände zu legen, ohne Maß,

mit einem grenzenlosen Vertrauen;

denn du bist mein Vater.

So segne und begleite Sie in diesen Tagen auf Ostern hin der dreieine Gott, der + Vater, der + Sohn und der + Heilige Geist. Amen.


Fulda, am 10. Februar 2021,

am Gedenktag der Heiligen Scholastika


Dr. Michael Gerber

Bischof von Fulda

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